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IM GESPRÄCH: Tommy Krappweis, Norman Cöster und das Brot

Er hat notorisch schlechte Laune. Er hat panische Angst vor Enten. Und er ist ein Phänomen der deutschen Fernsehlandschaft. Die Kunstfigur Bernd das Brot läuft tagtäglich in der Endloslosschleife im KiKa und wurde nicht zu Unrecht bereits 2004 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Im Vorfeld der Veröffentlichung von Bernd das Brot und die Unmöglichen sprach ich mit seinen Erfindern Norman Cöster und Tommy Krappweis nicht nur über das Spiel, sondern im Speziellen auch über Humor in Videospielen. Besonders Tommy wies dabei auf viele interessante Schwachstellen in den aktuellen Strukturen hin.


 INTERVIEW

Wart ihr euch eigentlich damals sicher, dass Bernd das Brot ein Erfolg wird?

Tommy Krappweis: Von wegen! Wir haben damals Witze gemacht: Entweder Bernd das Brot wird der größte Scheiß und unsere Karrieren sind vorbei. Oder wir gewinnen den Grimme Preis. Das es dann wirklich passiert ist, ist unfassbar.

Worin seht ihr euren Erfolg?

Tommy Krappweis: Die Leute haben Bernd das Brot mit einer Bedeutung aufgeladen, die zwar toll ist, aber von uns in dieser Form gar nicht gewollt oder gar geplant war. Viele Menschen sagen auch, Per Anhalter durch die Galaxie ist gesellschaftskritisch. Ich glaube einfach nur, dass Douglas Adams damals ein extrem lustiges Buch schreiben wollte. Natürlich fließt da seine Meinung über die Menschheit und das Universum mit ein. Aber genau so ist das auch bei Bernd das Brot: Wir sind wie wir sind. Vielleicht sind wir gerade per se gesellschaftskritisch. Aber das ist Humor ja ohnehin immer. Wir freuen uns, dass Bernd inzwischen zum Liebling des Feuilletons geworden ist und überall in den Medien auftaucht.

Braucht die Gesellschaft diese Art von Figuren?

Tommy Krappweis: Die hat man immer gebraucht! Schon Karl Valentin hat damals genau diese Sorte Komik gemacht. Die kann man gesellschaftskritisch nennen oder ihn einfach nur lustig finden. Valentin hat natürlich auch einige sehr lustige Sachen zur Nazi-Zeit gesagt, aber das lassen wir hier mal unkommentiert. Aber selbst Bernd das Brot greift ja Geschichte auf und parodiert etwa ‘Der große Diktator‘.

Ist Humor zeitlos?

Tommy Krappweis: Er kann zeitlos sein! Ich finde, dass beispielsweise die Marx Brothers ungeheuer lustig sind und toll funktionieren. Ich habe aber Probleme mit Charlie Chaplin. Seine Rolle des Tramps war natürlich zur Zeit der Wirtschaftsdepression brutal aufgeladen. Heute ist ein Penner oder ein Landstreicher nichts, was du ins Fernsehen bringen würdest. Ein Typ, der kein Geld hat, immer die gleichen Klamotten trägt und nichts zu fressen hat, findet heute keiner mehr lustig. Aber die Marx Brothers und zu einem gewissen Grat Laurel und Hardy oder Buster Keaton. Sie lehnen sich gegen die Konventionen der Gesellschaft auf. Die waren in vielen Sachen weiter als die Comedy heute. Nehmen wir mal die Farelly-Filme wie etwa Dumm & Dümmer: Da sind viele nette Sachen dabei, die ich jetzt gut finde. Aber in zwei Jahren wirkt das alt. Aber Humor ist subjektiv und daher ist er auch jedem selbst überlassen. Natürlich ist Humor zeitlos und natürlich verändert er sich.

Vermisst ihr in der aktuellen Spielelandschaft den Humor?

Tommy Krappweis: Ich vermisse professionelle Pointe, die funktionieren! Vieles ist auf witzig gemacht. Aber viel zu oft zünden einfach die Ideen nicht oder sind nicht rechtzeitig umgesetzt. In den Magazinen steht dann sowas wie „Humor ist Geschmackssache“. Natürlich nicht! Man kann und muss nachlesen, wie man eine Pointe schreibt. Wenn ich will, dass die Leute zum Schluss lachen, dann muss das Wort mit dem Witz zum Ende kommen. Nicht in der Mitte oder am Anfang! Ansonsten sitze ich vor dem Bildschirm und habe nichts zu lachen.

Brauchen Spiele also bessere Autoren?

Tommy Krappweis: Nein, man soll die Leute fragen, die so etwas schon mal gemacht haben. Damit meine ich gar nicht mal uns. Man kann sich auch einfach ein Buch aus den Siebzigern ‘How to write screen comedy’ kaufen und das lesen. Dann wären nämlich Spiele eben dieses Quäntchen geiler und würden mich auch zum Lachen bringen. Pointen sind Pointen. Das ist Handwerk. Pointen sind keine lustigen Ideen, die ich so eben mal hinschreibe. Und das gilt auch für die Quest-Ketten in vielen Adventures. Gerade in Rollenspielen herrscht da gähnende Langeweile. Die führt dazu, dass ich die Aufgaben einfach nur durchklicke, um mir am Ende meine Erfahrungspunkte abzuholen. Die Spieleentwickler sollten sich anständige Drehbuchautoren engagieren – damit meine ich erneut nicht uns – und sie die Arbeit übernehmen lassen. Oder wenigstens die Skripte nochmal auf ihre Qualität checken lassen. Bei Lucas Arts hat das damals funktioniert. Das waren Leute, die das richtig konnten. Heute ist das aber reiner Zufall … und das nervt mich!

Sind Videospiele viel zu bemüht – nicht nur, wenn es um den Humor geht?

Tommy Krappweis: Absolut! Und viel zu politisch. Es scheint heutzutage nicht mehr möglich, die Geschichten stromlinienförmig zu erzählen und zwischendurch emotionale Momente einzustreuen. Das hat das alte Half-Life schon geschafft. Da fragen dich Menschen: “Mein Gott, du bist Gordon Freeman!” Und ich weiß, ich bin Gordon Freeman und freue mich darüber! Heute sind die Wenigsten bereit, für das Story-Telling zu bezahlen und lassen stattdessen ihre Entwickler schreiben. Davon haben einige Talent und andere eben nicht. Es gibt Spiele, da merke ich regelrecht, dass die Autoren bei Questketten gewechselt haben. Plötzlich sind die Gesetze anders, die Wege kürzer und die Witze funktionieren. Auf einmal bin ich emotional involviert. Und beim nächsten Mal hänge ich wieder im Niemandsland.

Vielen Dank für das Gespräch!


 Eine ausführliche Analyse zum Thema ‘Humor in Videospielen’ findet sich u.a. in der PlayBlu 11-12/2014, sowie in der Xbox Games 11-12/2014. Beide Magazine veröffentlicht von der Computec Media GmbH.

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